Ein Sommer in Marrokko

 

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Charlotte Kusenberg

(Studentin der Internationalen BWL und Interkulturellen Studien mit arabischer Sprache in Heilbronn)

Voller Reisefieber stieg ich am 26. Juli 2007 in Madrid in den Bus, um die Straße von Gibraltar zu überqueren – von Algeciras mit dem Schiff nach Tanger und weiter mit dem Bus bis nach Rabat in 32 Stunden. Als einzige Europäerin fühlte ich mich bereits am Bahnhof in Madrid wie im Orient. Später lernte ich eine alte Dame aus Andalusien kennen. Wie mutig ich doch sei, wiederholte sie ständig. „Sag mir doch nicht, wie mutig ich bin. Siehst du denn nicht, dass ich sterbe vor Angst?!“.Die Wahl meiner Garderobe war wohlüberlegt an jenem Tag: Lange Jeans und geschlossenes T-Shirt. Umso größer war die Verwirrung in Rabat, als ich auf Safae, meine Kontaktperson traf. Sie kam in eigenem Auto und war westlicher gekleidet, als ich es mich in einem islamischen Land getraut hنtte. Sie nahm mich mit ins prachtvoll-kitschige Apartment einer ihrer Businessfreundinnen, die sich arabische Quizshows und japanische Zeichentrickfilme auf einem riesigen Flachbildschirm anschauten. Ich hatte noch nicht einmal angefangen meine ersten Eindrücke der Busreise zu verarbeiten: Es war nicht zu übersehen, dass ich mich von nun an in einem Land der Extreme befand. Was ich zuerst an Marokko bemerkte: es ist ein Land der Ungleichheiten und Gegensätze. Es fehlt die Mitte. Nicht nur in Bezug auf Wohlstand, sondern auch in Bezug auf Traditionen und Wertevorstellung. Es war ein ständiges Wechselbad der Eindrücke. Lehmbauten und riesigen Nachtclubs, Eselkarren und Mercedes Benz, Kopftuch und Freizügigkeit, Ramadan und Alkoholverzehr, zwischen Islam und Party. Viele junge Marokkaner haben ein Identifikationsproblem. Umso schwieriger war es für mich, in diesem Land anzukommen. Ich lebte zwei Monate in einem Apartment zusammen mit Studenten aus Holland, Deutschland, Polen, Portugal, Griechenland, Serbien, Rumänien, USA, Mexiko, Iran, Irak, Marokko und Tunesien. Manchmal mit mehr als vier Leuten auf einem Zimmer. Privatsphنre existierte nicht. Weder auf der Straße, noch im Zusammenleben mit Marokkanern und auch nicht „zu Hause“. Ich unterrichtete Englisch und Deutsch in der NGO Amal Salé, eine Schule, die sich im benachteiligten Stadtviertel Hay Asalam befindet. Auf ehrenamtlicher Basis wird Sprachunterricht für diejenigen angeboten, die es sich nicht leisten kِnnen. Als Dankeschِn erhielt ich kostenlosen Arabischunterricht. Ich verfügte über keinerlei pنdagogische Erfahrungen, aber meine Schüler machten mir das Leben leicht. Marokkaner zeichnen sich aus durch Sprachbegabung, Motivation, Herzlichkeit, Neugierde und Unpünktlichkeit. An manchen Tagen habe ich bis zu einer Stunde auf meine Schüler gewartet. Ich unterrichtete fünf Mal die Woche einige Stunden tنglich. Im Fastenmonat Ramadan fand Unterricht von 20.30 bis 23 Uhr statt. Ich nutzte meinen Unterricht auch dazu, um mit meinen Schülern über Religion, Politik und soziale Themen zu sprechen. Mittags wurde ich häufig zum Essen in die Familien der Schüler eingeladen und lernte das traditionelle Marokko kennen. Zum Beispiel gingen wir stundenlang ins Hamam und waren zu Gast auf Hochzeiten. Marokkanische Hochzeiten sind sehr verrückt. Die Braut wechselt bis zu sieben Mal ihre Kleider. Es werden mitten in der Nacht Platten weise Fleischspeisen serviert, selbstgemachte Süßigkeiten und Kaffee. Bis Morgens um Sieben haben wir gefeiert. Ich habe marokkanische Frauen in einer Art und Weise tanzen gesehen, wie sich westliche Frauen womöglich nie frei genug fühlen würden ihre Köِrper zu bewegen. Können diese Frauen wirklich unterdrückt sein? Oderverfügen sie über Freiheiten, von denen wir noch nicht einmal wissen, dass sie existieren? Es gibt so Vieles, was wir nicht wissen vom Orient, was wir nicht kennen, was wir nicht verstehen. Die Reaktionen auf mein Hocharabisch waren einfach umwerfend. In einer Bank brach der Mann hinter dem Schalter in lautes Gelächter aus. Als eine Angestellte auf der Post bemerkte, dass meine Postkarten auf Arabisch geschrieben waren, las sie sie direkt vor meinen Augen. Als hنtte sie noch nie etwas von Briefgeheimnis gehِrt, fragte sie auch noch: „Dein Name ist also Charlotte?“.Am Flughafen rief einer der Beamten seinen Kollegen zu: „Hört mal her! Hier ist eine, die Arabisch spricht, und die hat das auch noch in Deutschland gelernt!“ Marokkaner sind es nicht gewohnt, dass Auslنnder ihre Sprache sprechen. Sie reagieren jedoch immer mit Wertschنtzung und Anerkennung. Nach wenigen Sätzen erhält man meistens eine Einladung zum Couscous. Marokkanische Häuser sind eine Wissenschaft für sich. Es herrscht eine Gastfreundlichkeit, die wir hier im Westen einfach nicht gewohnt sind. Sobald man ein Haus betritt, werden mindestens Tee und Süßigkeiten serviert. Ist man zum Essen eingeladen, werden stundenlang in der Küche Vorbereitungen getroffen und mehrere Gنnge aufgetragen. Man bekommt den bequemsten Platz zugewiesen und mmer das beste Fleisch zugeschoben, man wird regelrecht gedrنngt zu essen:„Kul, Kul Habiba!“ Auf meinen Wunsch kochten wir im Hause von Aischa den Couscous mit Rosinen, Zwiebeln, Kichererbsen und Zimt. Als wir schließlich zu Zehnt um den Couscous im Wohnzimmer saكen, sich alle reichlich satt gegessen hatten und sich bereits einige vom Tisch verabschiedeten, ich als Zeichen meiner Dankbarkeit noch weiter mit dem Couscous kämpfte und schließlich sagte: „Safi.Elhamdolihleh!“, entgegnete Ahmed in sehr beleidigtem Unterton: „Du wolltest doch unbedingt den Couscous mit Rosinen machen. Und jetzt isst du nicht!“. Marokkaner tun alles für dich, wenn du ihnen nur ein bisschen von deiner Zeit schenkst. So bekam ich zum Beispiel eine limonengrüne Djellabah geschenkt, deren dünner weiter Stoff viel angenehmer bei der Hitze war, als meine westliche Kleidung. Und auch für meinen Vater gaben sie mir eine mit, die er an Geburtsfeiern, Hochzeiten und zum Freitagsgebet tragen könne. Ramadan begann in diesem Jahr an einem Freitag und ich fastete zum ersten Mal in meinem Leben. Ich wollte den Orient verstehen lernen, versuchen ihre Sprache zu sprechen und in ihren Häusern leben. Dazu gehörte es auch, mit ihnen hungrig zu sein. Rabat war tagsüber zu einer Totenstadt geworden. Cafes blieben geschlossen, alles Leben erstarb. Je näher der Sonnenuntergang kam, umso mehr wimmelte es von Essenständen und allerlei Gerüche machten sich auf der Straße breit. Herrlich duftende Malaui-Pfannkuchen – wenn man Hunger hat, dann ist alles lecker! Die Medina war ein Anblick für Götter: ein Markt voller Waren, Süßigkeiten, Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Brot, voller Menschen, voller Handel, voller Farben, voller Leben. Und alle hatten das selbe Gefühl: einen leeren Magen und einen schwachen Körper, der schon fast Kopfweh macht – inmitten Massen von Essen! Anden Kassen im Supermarkt standen lange Schlangen. Leute kauften ein, als gäbe es nie wieder Lebensmittel. Der Dirham stieg. Ramadan war für mich wie jeden Tag Weihnachten. Nachbarn besuchten Nachbarn und in den Garküchen war Hochbetrieb. In Cafes musste man um einen Tisch kämpfen und die Straßen waren voller Menschen. Der Geschmack der ersten Dattel ist unbeschreiblich. Die Zwanzigste ist nichts Besonderes mehr. Vielleicht ist es mit dem Essen ein bisschen so wie mit der Liebe. Ich habe Gerüche genossen, obwohl ich hungrig war, weil ich wusste, dass ich spنter mit all den anderen mein Fasten brechen werde. Ich finde es sehr schade, welche Ängste und Vorurteile zwischen Orient und Okzident stehen und wie in westlichen Gesellschaften mit dem Thema umgegangen wird. Ehe ich Marokko besuchte, sagte man mir, ich solle weder über Mohammad Asadis, den Kِnig von Marokko, noch über den Islam sprechen – schon gar nicht in negativer Art und Weise. In Marokko selbst war ich verblüfft über die Offenheit und Neugierde der Menschen und ihre fast vollständige Ahnungslosigkeit was Alltag und Politik westlicher Lنnder angeht. Es ist erschreckend, welche Macht die Medien auf beiden Seiten einsetzen. Dieser Reisebericht spiegelt einzig und allein meine Beobachtungen wieder von einem Land, das sich in einem rasanten Umbruch befindet und umgekehrt eines der ältesten Monarchien der Welt ist. Während des Schreibens ist mir klar geworden, wie vorsichtig man mit dem Konflikt umgehen muss, vor allem dann, wenn man sich weder auf die eine noch auf die andere Seite stellen möchte. An dem Tag, an dem ich Rabat verlassen habe, hat es ein bisschen geregnet. Für die Araber ist das ein wunderbares Zeichen, denn Wasser ist lebensnotwendig. Ich hatte den besten Sommer meines Lebens verbracht, wunderbare Freundschaften geschlossen – und ich werde zurückkommen – Insh’allah…